My First Fitbit

„Irgendwas, wo es nicht ums Gewinnen geht!“ oder warum mein Kind kein Mannschaftssportler ist

Kinder brauchen Bewegung. Das ist jetzt natürlich nichts, was für irgendwen da draußen neu wäre. Aber so einfach wie diese Einsicht ist es dann manchmal doch nicht. Bei uns begann alles mit dem Besuch einer Eltern-Kind-Turngruppe. Da waren die Söhne 1 und 2 Jahr alt. Es wurden verschiedene Kletter-Parcours, Balanciermöglichkeiten und Matten aufgebaut, an und auf denen die Kinder sich frei bewegen und austoben konnten. Schon damals zeigte sich schnell: meine Kinder könnten nicht unterschiedlicher sein.

Während der eine Bruder unerschrocken auf alles drauf kletterte und auch von hohen Hindernissen wieder heruntersprang, hatte der andere Bruder häufig Angst, traute sich dieses oder jenes nicht zu und wollte auf gar keinen Fall Hilfestellung von Fremden. Schaukeln und Balancieren mied er wie ein Schneemann den Sommer und die anderen Kinder waren ihm oft zu laut und zu wild. Der Mutigere, das war der Kleinere. So gingen wir viele Jahre zwar zum Eltern-Kind-Turnen, aber das große Kind spielte lieber alleine mit einem Seil oder einen Ball in einer Ecke der Halle, während der kleine Bruder alle zur Verfügung stehenden Klettermöglichkeiten exzessiv nutzte.

Auf Umwegen zum Ziel

Ein paar Jahre später – es hatte sich inzwischen deutlich abgezeichnet, dass meine Jungs beide keine Fußballer waren und nicht mal aus Intuition gehen einen Ball traten – besuchten wir dann das Handballtraining für Minis. Da waren sie 5 und 6 Jahre alt. Bälle. Bälle waren okay. Aber eben nicht zum dagegentreten. Werfen war hingegen bei beiden sehr beliebt. Auch hier zeigte sich schnell wieder der Unterschied zwischen den Jungs. Max, der Jüngere, nahm den kleinen Handball in die Hand, lief los, dribbelte und warf sehr zielsicher seinen Mannschaftskollegen den Ball zu. Alex, der Ältere, warf und fing den Ball sehr sicher, spielte aber auch hier lieber alleine und ließ den Ball dutzende Male gegen eine Wand prellen, statt mit einem anderen Kind hin und her zu passen.

Natürlich war das Handballtraining am Anfang noch sehr spielerisch. In erster Linie ging es um den sicheren Umgang mit dem Ball und das hatten beide Jungs gut drauf. Doch dann kam das Alter, in dem erste Freundschaftsspiele und kleine Turniere anstanden. Und bei eben solch einem Turnier habe ich erkannt, dass man die Unterschiede zwischen den Jungs eben nicht einfach ignorieren kann. Alex betrat das Spielfeld, das Spiel wurde angepfiffen und mein Kind erstarrte zu einer Salzsäule. Seine Augen flogen in alle Richtungen, hektisch und ohne wirkliches Ziel, aber sein Körper blieb absolut regungslos. Das war der Moment in dem ich erkannte: dieses Kind ist kein Teamsportler. Es ist einfach von den vielen Menschen, dem raschen Szenenwechsel und der Lautstärke total erschlagen.

Also beendeten wir Alex‘ Handballkarriere nach immerhin 2 Jahren und begaben uns erneut auf die Suche. Er wollte gerne eine Sportart machen, die ihm Spaß macht und bei der er mit anderen Kindern zusammen ist. Dabei solle der Fokus aber auf ihm selber lieben. Er selber wollte für Erfolg oder Niederlage verantwortlich sein und das nicht in die Abhängigkeit einer Mannschaft stellen. Seine Leistungen selber bestimmen und messen kann er bereits wunderbar mit der Fitbit Ace, die ihn durch seinen Alltag begleitet und mit der er seine Bewegungs- und Schritte tracken kann. Die Freunde und das Zusammensein mit anderen Kindern ersetzte sie aber leider nicht.

Wir probierten also Leichtathletik aus, wo er auch Talent bewies, das ständige im Kreis Laufen ihn aber so sehr langweilte, dass er schnell die Freude verlor. Also auf ein Neues. Wir suchten weiter. Irgendwann sagte er zu mir: „Ich will irgendwas machen, wo ich nicht gegen anderen antreten muss. Irgendwas, wo es nicht ums Gewinnen geht.“ Das war eine starke Aussage und schränkte die Möglichkeiten zeitgleich doch sehr ein.

Nach einiger Recherche meinerseits schauten wir uns dann gemeinsam Wing Tsjun an. Wing Tsjun ist ein Kung Fu-Stil, der, anders als zum Beispiel Judo oder Karate, kein Kampfsport, sondern eine Kampfkunst ist. Während ein Kampfsport Regeln unterliegt und in Wettkämpfen ausgetragen wird, ist die Kampfkunst frei von Regeln, dient in erster Linie der Selbstverteidigung und übt das Verhalten in echten, unreglementierten Gefahren- oder Konfliktsituationen. Wir waren also genau dort gelandet, wo das große Kind hinwollte. Und es war Liebe auf den ersten Tritt. In nur einem Jahr lernte das große Kind so viel Technik, Körperbeherrschung und Disziplin und gewann neben ganz viel Selbstvertrauen auch neue Freunde, was sein ganzes Wesen aufblühen ließ.

Jeder findet das Richtige

Er ist in etwas gut, das ihm viel Freude bereitete, in dem er für seine Leistung ganz alleine verantwortlich ist und in dem er sich nicht ständig mit anderen Messen muss. Jackpot! Als mir der kleine Bruder vor einem halben Jahr dann gestand, dass auch er kein Handball mehr spielen wollte, schlug ich ihm ebenfalls Wing Tsjun als Alternative vor. Inzwischen sind unsere 3 Kinder alle in der Wing Tsjun Schule angemeldet. Sie trainieren zu unterschiedlichen Zeiten in ihren Altersklassen und haben alle drei viel Spaß. Der Lernfaktor ist sehr hoch, da jede Woche die bereits erlernten Formen wiederholt werden und neue Elemente hinzukommen.

Alle 3 Monate finden Prüfungen statt. Immer im Wechsel werden die Techniken und der Einsatz des Erlernten in einer gestellten Gefahrensituation geprüft. Da geht es dann ganz schön zur Sache, aber auch aus diesen Prüfungen kommen die Kinder jedes Mal mit gestärktem Selbstbewusstsein und dem Wissen, sich im Ernstfall tatsächlich selber verteidigen zu können, heraus. Für den großen Sohn war es ein holpriger Weg vom Eltern-Kinder-Turnen über Handball, Hockey und Leichtathletik, bis er im Wing Tsjung genau das fand, was zu ihm passt. Und wir sind unendlich froh, dass er dort nun angekommen ist.

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